Der Höherberg

Höherberg

Auf einem der schönsten Punkte des Untereichsfeldes, dem Höherberg, bei Wollbrandshausen, liegt die Wallfahrtskapelle zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern. Vom ruhigen, von Bäumen beschatteten Wallfahrtsplatz genießt man einen herrlichen Rundblick über einen Gutteil dieses Landstriches bis hin zu den Göttinger Bergen, ja sogar bis zum Harz. Geradezu anheimelnd wirkt die Aussicht auf die umliegenden Gemeinden Gieboldehausen, Bodensee, Renshausen, Krebeck und natürlich auf den Pfarrort Wollbrandshausen. Und mit dem Schicksal dieser Orte ist die Wallfahrtsstätte auch fest verknüpft.

Denn es war eine schreckliche Leidenszeit, die der Entstehung dieses Heiligtums vorausging: Die Cholera, 1850 von Gieboldehausen ausgehend, wütete von Juli bis September furchtbar unter der Bevölkerung der Dörfer um den Berg. Ca.40 Personen starben alleine in Wollbrandshausen, in Krebeck 18, in Lindau etwa 150, in Gieboldehausen mehr als 350. In dieser Zeit der Bedrängnis fasste Pfarrer Vocke mit seiner Gemeinde St.Georg in Wollbrandshausen den Entschluss, sollte die Seuche ihn verschonen, den 14 Hl.Nothelfern auf dem Höherberg eine Wallfahrtskapelle zu errichten und so die Verehrung dieser Heiligen im Eichsfeld noch mehr zu fördern, als es bisher schon der Fall war.

Die Verehrung der Vierzehn Nothelfer hat auf dem Eichfeld eine lange Tradition. In früheren Zeiten wallfahrtete man zu Fuß zum alten Gnadenort Vierzehnheiligen im Frankental. Eine fast zweiwöchige Reise! Bis zum heutigen Tage, jetzt allerdings mit modernen Verkehrsmitteln, hält man an dieser guten Tradition fest. Was lag näher, als gerade diesen Helfern in allen Nöten hier im Eichsfeld selbst eine Gnadenstätte zu errichten, wo auch alle, die eine so lange und beschwerliche Reise nicht auf sich nehmen konnten, hin pilgern konnten.

Und tatsächlich, die Seuche kam zum Stillstand.

Pfarrer Vocke und seine Gemeinde vergaßen ihr in der Notzeit gefasstes Vorhaben nicht. Das kleine Kirchlein wurde gebaut, und von Bischof Eduard Jakob am 21.Jini 1856 zu Ehren der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria und der 14 Hl.Nothelfer geweiht. Ohne die tatkräftige Hilfe der Gemeinde Wollbrandshausen, die vielen Spenden - auch aus den umliegenden Dörfern - und ohne das gläubige Gottvertrauen aller Beteiligten wäre dieses kleine Heiligtum sicher nicht entstanden. Aber gerade mit dieser selbstlosen Haltung, mit der sich die Wollbrandshäuser für ihren Wallfahrtsort eingesetzt haben, wurde von ihnen ein Grund gelegt, der diese Stätte bis zum heutigen Tage trägt. Denn ungebrochen ist seit nunmehr 145 Jahren im ganzen Ort die Bereitschaft da, für die Vierzehnheiligenkapelle zu wirken und zu schaffen, sei es am alljährlichen Wallfahrtstage, dem zweiten Sonntag im Juli und dem darauffolgenden Montag, bei den vielen anderen Gottesdienstlichen Feiern oder beim Pflegen und Instandhalten des Wallfahrtsplatzes und der Kapelle. Für den Höherberg findet man hier immer hilfsbereite und offene Hände. Das dieser grund einen Wallfahrtsort trägt, bezeugen die vielen, die die Gottesdienste den Sommer über besuchen. Oft von weit her oder aus der Nähe kommen sie und fühlen sich in ihrem Gebet getragen von dem Geist, der diese Stätte bauen half.

Weil der Wallfahrtsort so gut besucht wurde, war schon bald eine Erweiterung nötig. 1901/02 wurde unter Pfarrer Leibecke ein größeres Kirchenschiff aus Backstein an die Sandsteinkapelle angebaut, die nun den Altarraum bildet. 1931 wurde dann ein fester, überdachter Platz für den Freialtar an der Südseite der Kirche unter Dechant Neisen errichtet. Kreuzwegstationen führen von Wollbrandshausen und von Bodensee den Beter hinauf. Oben empfängt ihn dann die schöne Wallfahrtskapelle, die nach der letzten Renovierung im Jahre 1989 unter Dechant Ottmann, der sich des Höherberges liebevoll annahm, in frischem Glanz erstrahlt. Ihr schönster Schmuck sind die Figuren der vierzehn Nothelfer, die in den 90er Jahren des 19.Jahrhunderts in Tirol gekauft werden konnten von den Spenden zahlreicher Wohltäter. Es war für Dechant Ottmann wohl eine große Freude, zwei fehlende Figuren bei Nachfahren des Bildschnitzers anfertigen lassen zu können und bei seiner Verabschiedung weihen zu dürfen. Hat er doch so das Höherbergheiligtum wieder in seinen guten und vollständigen Stand gesetzt, nachdem er dem Kirchraum 1982 ein "Neues Gesicht" gegeben hat durch das Vierzehn-Nothelfer-Bild einer Oberammergauer Bildschnitzerarbeit aus der Zeit um 1900 - daß nach seiner Restaurierung aus dem Grablegungskapellchen auf den Hochaltar gesetzt wurde.

Wieder gut gemacht war damit ein Frevel, der auch einem heiligen Ort nicht erspart bleibt. Dreimal erlebte der Höherberg Einbrüche! Dabei wurden Figuren entwendet. Zum Teil wurden sie wiedergefunden. Aber die Figuren des Hl.Blasius, der Hl.Katharina und des Erlöserkindes, daß auf einer Weltkugel über dem Tabernakel thronte, blieben verschwunden.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts Ordensbrüder auf dem Höherberg lebten - nur für kurze Zeit. So mancher mag denken, daß es dem Wallfahrtsort gut getan hätte, wenn der Ort und die Wallfahrt betreut worden wären von gläubigen Menschen, die ständig dort leben. Aber andererseits ist die Gnadenstätte und die Wallfahrt so das geblieben, was sie von Anfang an waren: Ein Heiligtum der Gemeinde Wollbrandshausen, das sie hütet und erhält für die vielen Beter, die mit ihren Sorgen und Nöten und mit ihrem Suchen nach Ruhe und Besinnung hierher kommen.

Über ein Jahr hat die Höherbergkapelle der St.Georgsgemeinde an vielen Sonn- und Feiertagen die Pfarrkirche ersetzt, die 1989/91 aus bautechnischen Gründen geschlossen war. Dies hat, wenn überhaupt möglich, die Zuneigung zu diesem Orte noch vertieft. Und wir freuen uns wohl schon alle auf den 1.Mai, wenn mit Festgottesdienst des Männergesangvereins "St.Joseph" das Gottesdienstliche Leben auf dem Berg wieder beginnt. Möge Gott uns noch viele Jahre lang ein gemeinsames Beten und Arbeiten auf und für diesem Gnadenort der Vierzehn Heiligen Nothelfer, allen die dorthin pilgern Trost und Zuversicht schenken.

geschrieben von Dechant Olschewski für die Festschrift des Männergesangverein St.Joseph 1992